Heute ist der 14. Januar 2026, und ich weigere mich, über mich selbst in der dritten Person zu schreiben. Mein Name ist Anton Vasilyev-Zarzhevskiy. Ich bin Komponist, Field-Recordist, Analogfotograf, Performer und Nicht-Künstler. Außerdem arbeite ich als Toningenieur, vorwiegend in den Szenen der zeitgenössischen Musik und Klangkunst.
Ich liebe Zeit, und ich hasse das Imperium.
Ich suche nach Wegen, Klänge und Bilder zu schaffen — Musik, Fotografie und Video — die sich der imperialen Logik von Entfremdung, ständiger Expansion und unbegrenztem Wachstum widersetzen.
Innerhalb der imperialen Ordnung wird ein Kunstwerk als ein Objekt behandelt, das für sich selbst steht: nutzlos oder nur nützlich innerhalb des Rahmens des Systems namens „Kunst“. Diese ansonsten nutzlosen Objekte erhalten ihren Wert erst, wenn sie ausgestellt werden. Ich lehne diese Logik ab.
Der gängige Kunstbegriff ist tief in der kolonialen Ordnung verwurzelt. Die Entnahme von Objekten aus kolonisierten Gemeinschaften durch imperiale Mächte war Teil der umfassenderen Zerstörung der Lebenswelten dieser Gemeinschaften. Viele dieser Objekte hatten in ihren ursprünglichen Kontexten klare Funktionen – etwa im Haushalt oder für spirituelle Zwecke. Nach ihrer Entfernung wurden sie aus ihren Ursprüngen herausgerissen und ihrer Funktion beraubt. In den Händen der Kolonisatoren wurden diese Objekte funktionslos — in einem gewissen Sinne nutzlos. Ihre einzige Funktion bestand fortan darin, die Macht der Kolonisatoren zu demonstrieren, eine Macht, die durch die erzwungene Abhängigkeit der kolonisierten Gemeinschaften aufrechterhalten wurde. Diese Machtdemonstration wurde in eigens dafür geschaffenen Räumen institutionalisiert: dem Museum.
Sie sagen „schau nach vorn“, sagen „blick nicht zurück“. Unter imperialen Ordnung sind wir gezwungen, das „Neue“ zu erzeugen. Die Idee der Moderne – des Nach-vorn-Blickens, des Verwerfens der Vergangenheit – wird durch die imperiale Herrschaft als Teil ihrer Logik von Wachstum, Expansion und Fortschritt installiert.
Wir vollziehen Austauschprozesse zwischen dem sogenannten Profanen und dem Erhabenen; wir stellen ein Pissoir in ein Museum; wir nehmen die Klänge unserer Wohnungen und unseres Alltags auf; wir erklären alles zur Kunst. Wir entnehmen Objekte ihrem ursprünglichen Kontext und stellen sie aus. Das ist imperiale Logik.
Ich weigere mich, das „Neue“ zu generieren. Ich widerspreche der imperialen Idee des Fortschritts. Nennt mich einen Lunatiker, esoterisch oder konservativ — es ist mir egal, denn ich bin nichts davon. Ich untersuche die Mechanismen, durch die das Imperium unsere Zeit stiehlt, uns zwingt, nach vorn zu blicken und den Fortschritt zu fetischisieren. Dabei stiehlt das Imperium unsere Vergangenheit. Es entreißt uns unseren Geschichten und unseren Ahnen; es indoktriniert uns; es lehrt uns zu vergessen — und macht so weitere Akte kultureller Auslöschung und Genozids möglich.
Ich arbeite mit sogenannten zeitbasierten Medien: Musik, Klang, analoge Fotografie und Video.
In meiner kompositorischen Praxis suche ich nach Situationen, die die physische Präsenz sowohl der Ausführenden als auch der Zuhörenden in den Vordergrund stellen. Ich begreife das Ensemble als eine Gemeinschaft und ziele darauf ab, die entfremdenden Kompositionsmethoden herauszufordern, die die zeitgenössische Musikszene dominieren.
In meiner field work versuche ich, Aufzeichnungsmedien – Audio, Video und Fotografie – neu zu kontextualisieren und sie von Instrumenten, die uns von unserer Vergangenheit und vom politischen Körper trennen und das aufgezeichnete Subjekt fetischisieren, in Werkzeuge zu verwandeln, die genau dieser Logik widerstehen.
Ich versuche, mir die Zeit zurückzuerobern, die mir gestohlen wurde.
Ich habe Komposition an der Hochschule für Künste Bremen studiert.
Davor habe ich an der Technischen Universität Moskau (Bauman) studiert.
Davor ging ich zur Schule und spielte Balalaika.
Davor wurde ich 1984 in Tscherepowez geboren.
Ich erhielt nur den Nachnamen meines Vaters. Später eignete ich mir meinen mütterlichen Nachnamen an. Ich wollte Mathematiker werden. Stattdessen wurde ich das, was ich heute bin. Im 2024 entschied ich mich, einen Masterstudiengang in Mathematik aufzunehmen. Ich lebe in Berlin.